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Montag, 25. Oktober 2010, 23:20

Ich weiß, der Eintrag ist schon sehr alt, aber ich bin grade darauf gestoßen und denke ich kann euch quasi aus der Perspektive des Kindes was zu dem Thema erzählen.

Ich selbst leide unter einer Art Binge Eating Disorder. Mein Vater hat genau das gleiche.
Bei uns in der Familie wurde das Thema stets komplett totgeschwiegen. Schon im Kindergarten bekam ich jedoch mit, dass mein Vater nicht so aß wie der Rest der Familie und meine Freunde. Während der richtigen Mahlzeiten aß er immer nur Diätsuppe, dann kriegte ich aber mit wie er abends vorm Fernseher auf einmal 3 Tüten Chips verschlang. Oder heimlich an den Süßigkeiten und Vorratsschrank ging.
Ich war ein Kind, das sich immer wahhhhnsinnig viele Gedanken gemacht hat und ich weiß überhaupt nicht, wie früh ich anfing mir über das Verhalten meines Vaters Gedanken zu machen. Es war alles so falsch für mich .. ich verstand nicht, warum er immer so tat als wäre er auf Diät und dann andererseits, mehr oder weniger heimlich alles in sich hineinstopfte.
Auf kleine Nachfragen, die ich stets bei meiner Mutter und nie bei meinem Vater machte, da ich zu diesem aufgrund seiner krassen Arbeitszeiten kaum ein Verhältnis aufbaute, wurde mir dann nur erklärt, der Papa sei auf Diät, aber er hätte so viel Stress, da wäre das halt schwer das durchzuhalten.
Irgendwann fing ich dann an mich wahnsinnig vor meinen Vater zu ekeln un mich für ihn zu schämen. Ich war mir stets sicher, dass dsa an seiner Körperfülle und seinem widerlichen (Ess-)benehmen lag. Doch in der Therapie lernte ich, dass es vor allem daher kam bzw kommt, dass mir immer ein falsches Bild suggeriert wurde. Das war nicht nur mit dem Essen so, auch bei anderen Problemen wurde bei mir in der Familie oft einfach alles unter den Teppich gekehrt, gewartet bis alle es vergessen hatten.
Meine Mutter, meine Schwester und mein Vater, die können das alle, und die kommen damit auch klar. Doch ich kam es nicht. Ich machte mir immer Gedanken, überlegte immer, wie ich meinem Vater helfen könnte; warum er sich verhielt wie er sich verhielt; warum meine Mutter diesen Mann geheiratet hatte etc etc etc

Tja, und nun seht euch an wo ich heute bin. Teilweise gebe ich meinen Eltern die Schuld an meiner Essstörung, andererseits weiß ich jedoch auch, dass mein Vater selbst psychische Probleme hat (auch wenn er es nieee zugeben würde) ;dass meine Eltern niemals irgendetwas negatives für mich wollten und dass so eine Essstörung durch viele verschiedene Faktoren bedingt wird.
Ich glaube was mir damals geholfen hätte, nicht selbst ein so krankes Verhältnis zum Essen zu entwickeln ,wäre eine offene Aussprache von Problemen gewesen. Natürlich versteh ich, wenn ihr sagt es ist belastend für ein Kind; und dsa ist es auch. Aber nicht drüber reden macht es nicht besser; sondern meistens schlimmer. Und Kinder sind meistens schlauer als man denkt.. ich kann mich noch erinnern, dass ich das ganze schon mit 4 komisch fand..
Ich glaube geholfen hätte mir, wenn mein Papa ehrlicher mit seiner Krankheit umgegangen wäre und versucht hätte, sich professionelle Hilfe zu holen. Einfach damit ich gesehen hätte: Da ist ein Problem; und das ist nicht schön. Aber es ist so; und nun muss man versuchen was zu tun damit es besser wird.

Ich glaube das ist einer der Gründe, warum ich so offen mit meiner Krankheit umgehe. Alle meine Freunde wissen Bescheid und auch wenn ich mich früher wahnsinnig geschämt habe, weiß ich heute, dass es keine Schande mehr ist und wie gut es tut einfach nicht allein zu sein, vor allem wenn man grade wieder einen Anfall hatte oder es einem aus sonst einem Grund nicht gut geht.

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Mittwoch, 27. Oktober 2010, 13:12

Ich glaube das viele Eltern grundsätzlich versuchen Probleme und Streit nicht vor Kindern auszutragen. Ich selber habe keine Kinder kann aber von mir aus meiner Sicht als ich Kind war sagen, dass dies für das Kind sehr schlecht sein kann. Meine Eltern z. B. haben nie vor mir gestritten was dann zur Folge hatte das ich es nicht konnte.Ich fing dann mit Ende dreissig an über eine Therapie dahinter zu kommen und das einige meiner Partnerschaftsprobleme auch daher kamen. Für meine Partnerin ging es dabei um einen Punkt über den wir stritten, für mich irgendwie immer um alles oder nichts ........ kann echt gruselig sein. Heute sehe ich das glücklicherweise nicht mehr immer so das am Ende meine Ehefrau mich jedesmal verlassen will ......

Tja, andererseits können gesundheitliche Probleme auch sehr für ein Kind belastend werden wenn es zuviel darüber weis und zu sehr eingebunden wird. Auch da habe ich am eigenen Leib erleben müssen wie gruselig das für ein Kind sein kann. Mein Vater hat als ich ca. 12 Jahre alt war seinen 1. Schlaganfall bekommen (werde die verzweifelten und traurigen Augen nie vergessen können wo ich ihn dann in der Psychiatrie besucht habe und er flehte raus zu dürfen denn er sei ja nicht verrückt unter all den verrückten dort). Möchte ich keinem zumuten, nicht mal erwachsenen. Danach kamen noch Herzinfarkte und weitere Schlaganfälle dazu so das ich mit 18 Jahren mit entscheiden mußte das er in ein Pflegeheim kam (er weinte damals und bettelte nicht dorthin zu müssen). Aber er war nunmal so krank und konnte nicht alleine zu hause bleiben. Meine Mutter war Altenpflegerin von berufswegen her und es war auch für sie zuviel.

Wo also eine Grenze ziehen. Ich weiss es nicht. Heute würde ich dazu tendieren Kindern schon zu sagen das man krank ist, aber sie nicht mit dem ganzen Elend dessen was daran hängen kann zu belasten. Wenn nicht von den eigenen Eltern, von wem sonst soll man sowas lernen wie das Krankheiten und streiten zum Leben dazu gehören und normal sind. Aber heutzutage gibt es zumindest professionalle Ansprechstellen wo man sich darüber informieren oder austauschen kann was man sagt oder nicht. In meiner Kindheit steckte das noch alles in den Kinderschuhen .....

Lieben Gruß