Ich weiß, der Eintrag ist schon sehr alt, aber ich bin grade darauf gestoßen und denke ich kann euch quasi aus der Perspektive des Kindes was zu dem Thema erzählen.
Ich selbst leide unter einer Art
Binge Eating Disorder. Mein Vater hat genau das gleiche.
Bei uns in der Familie wurde das Thema stets komplett totgeschwiegen. Schon im Kindergarten bekam ich jedoch mit, dass mein Vater nicht so aß wie der Rest der Familie und meine Freunde. Während der richtigen Mahlzeiten aß er immer nur Diätsuppe, dann kriegte ich aber mit wie er abends vorm Fernseher auf einmal 3 Tüten Chips verschlang. Oder heimlich an den Süßigkeiten und Vorratsschrank ging.
Ich war ein Kind, das sich immer wahhhhnsinnig viele Gedanken gemacht hat und ich weiß überhaupt nicht, wie früh ich anfing mir über das Verhalten meines Vaters Gedanken zu machen. Es war alles so falsch für mich .. ich verstand nicht, warum er immer so tat als wäre er auf Diät und dann andererseits, mehr oder weniger heimlich alles in sich hineinstopfte.
Auf kleine Nachfragen, die ich stets bei meiner Mutter und nie bei meinem Vater machte, da ich zu diesem aufgrund seiner krassen Arbeitszeiten kaum ein Verhältnis aufbaute, wurde mir dann nur erklärt, der Papa sei auf Diät, aber er hätte so viel Stress, da wäre das halt schwer das durchzuhalten.
Irgendwann fing ich dann an mich wahnsinnig vor meinen Vater zu ekeln un mich für ihn zu schämen. Ich war mir stets sicher, dass dsa an seiner Körperfülle und seinem widerlichen (Ess-)benehmen lag. Doch in der
Therapie lernte ich, dass es vor allem daher kam bzw kommt, dass mir immer ein falsches Bild suggeriert wurde. Das war nicht nur mit dem Essen so, auch bei anderen Problemen wurde bei mir in der Familie oft einfach alles unter den Teppich gekehrt, gewartet bis alle es vergessen hatten.
Meine Mutter, meine Schwester und mein Vater, die können das alle, und die kommen damit auch klar. Doch ich kam es nicht. Ich machte mir immer Gedanken, überlegte immer, wie ich meinem Vater helfen könnte; warum er sich verhielt wie er sich verhielt; warum meine Mutter diesen Mann geheiratet hatte etc etc etc
Tja, und nun seht euch an wo ich heute bin. Teilweise gebe ich meinen Eltern die Schuld an meiner
Essstörung, andererseits weiß ich jedoch auch, dass mein Vater selbst psychische Probleme hat (auch wenn er es nieee zugeben würde) ;dass meine Eltern niemals irgendetwas negatives für mich wollten und dass so eine
Essstörung durch viele verschiedene Faktoren bedingt wird.
Ich glaube was mir damals geholfen hätte, nicht selbst ein so krankes Verhältnis zum Essen zu entwickeln ,wäre eine offene Aussprache von Problemen gewesen. Natürlich versteh ich, wenn ihr sagt es ist belastend für ein Kind; und dsa ist es auch. Aber nicht drüber reden macht es nicht besser; sondern meistens schlimmer. Und Kinder sind meistens schlauer als man denkt.. ich kann mich noch erinnern, dass ich das ganze schon mit 4 komisch fand..
Ich glaube geholfen hätte mir, wenn mein Papa ehrlicher mit seiner Krankheit umgegangen wäre und versucht hätte, sich professionelle Hilfe zu holen. Einfach damit ich gesehen hätte: Da ist ein Problem; und das ist nicht schön. Aber es ist so; und nun muss man versuchen was zu tun damit es besser wird.
Ich glaube das ist einer der Gründe, warum ich so offen mit meiner Krankheit umgehe. Alle meine Freunde wissen Bescheid und auch wenn ich mich früher wahnsinnig geschämt habe, weiß ich heute, dass es keine Schande mehr ist und wie gut es tut einfach nicht allein zu sein, vor allem wenn man grade wieder einen Anfall hatte oder es einem aus sonst einem Grund nicht gut geht.