Mollige Reize
Ein paar Gedanken gegen den Schlankheitswahn
von Wolfgang
Letztens, übers Wochenende,
Heiß prallte die Sonne vom Himmel,
Wir beide waren schwimmen im Freibad,
Du zogst stramm eine Bahn nach der anderen,
Und ich, ich lag einfach nur da,
Ließ mich grillen, ließen es mir gutgehen.
Und wie ich schon am Brutzeln war,
Ich ließ meinen Blick umherschweifen:
Da ich sah die vielen Menschen,
Mehr Dicke als Dünne übrigens.
Und mit einem Mal kamen die Gedanken,
Und so stellte ich mir die Frage:
Sind wir Dicke immer hässlich?
Oder haben auch Mollige ihren Reiz?
Warum denk ich, wie ich denke?
Und wieso bin ich nicht attraktiv?
Jetzt will ich einmal an dieser Stelle
Überhaupt alles in Frage stellen;
Unsere gesellschaftliche Doktrin
Hinterfragen und in Zweifel ziehn.
Ich meine, los ging´s doch schon,
Wo ich noch jung war,
So viele Jahre ist es her,
Damals war ich wohlgenährt,
Pausbäckig sagt mach auch dazu.
Einstmals waren die dicken Kinder,
So wie ich auch eines war,
Noch in der Minderheit
Und also Opfer von Hohn und Spott.
Dermaßen bitter war´s,
Diskriminiert zu werden
Von denselben Kids,
Die sich heute wohl durchs Leben rollen!
Das sag ich absichtlich sarkastisch,
Denn gaben nicht sie mir den guten Grund,
Mein Heil in der Schlankheit zu suchen?
Als ich denn älter wurde,
Wurde ich wie sie,
Erstmal bin ich dünn geworden,
Als auch genauso überheblich.
Allerdings war ich noch besser,
Ich übertraf sie allesamt,
Wurde schlanker, dünner, hager
Als jedermann und jederfrau,
Und auf einmal hieß es dann:
Du hast ja einen Schlankheitswahn!
Dabei hatte ich doch bloß getan,
Was sie alle von mir wollten,
Denn je dünner, umso besser,
War das, war mir zu Ohren kam.
Wenn ich´s nun nicht geschafft hätte?
Wenn ich ihnen hätte gehorcht?
Wenn ich mich totgehungert?
Wer von denen hätt´s bereut?
Hernach nahm ich endlich zu,
Mein Leben war gerettet.
Dafür habt Danke, liebe Eltern!
Weil ohne euch,
Gäb´s mich nicht mehr.
Dass ich nunmehr hatte verlernt,
Wie man denn normal sich nährt,
Das Essen nach Hunger und nach Maß,
Ich vollkommen vergaß.
Vielmehr war ich jetzt gewöhnt,
Anstelle von Gefühlen, Emotionen,
Durch Essen zu fühlen,
Emotionales Essen genannt,
Wurde zugleich zum Nimmersatt.
Um es kurz zu machen, heute,
Mehr als zwanzig Jahre später,
Ist die Nahrung meine Droge,
Süchtig bin ich sehr nach ihr,
Darum ich auch esssüchtig bin.
Ja, ich bin ein Binge Eater
Mit Essattacken ganz gewaltig.
Stress, Ärger, Kummer
Fresse ich in mich hinein,
Finde Trost im vollsein.
Ich habe mich hierfür gehasst,
Verabscheut hab ich meinen Körper,
So eklig fand ich mich wieder,
Bis dass da kam ein jemand,
Der nahm mich, wie ich bin,
Mit jedem einzelnen Pfund an mir.
Derjenige, der warst du,
Wir wurden dicke Freunde,
Ja, und noch mehr:
Heute sind wir zwei ein Paar,
Wir gehen gemeinsam durch dick und dünn.
Jetzt will ich nicht sagen,
Dass du dick wärst, Liebes,
Du hast sogar Gewicht verloren,
Seitdem wir uns kennen,
Das ich habe gewonnen.
Und doch: Nie und nimmer,
Auch nicht nur einmal,
Hörte ich aus deinem Munde
Worte wie:
"Sei nicht so verfressen!"
Dir ist es total egal,
Ganz gleich und einerlei,
Ob ich dick bin oder dünn,
Du liebst mich so, wie ich halt bin.
Und mehr noch:
Jene sämtlichen Klischees
Über uns Menschen, die mehr wiegen:
Wir seien fett, dumm und faul,
Wir wären maßlos, alle krank -
Vorurteile, Ausgrenzung
Einer Mehrheit der Bevölkerung.
Ich stehe dazu:
Ich bin krank!
Aber nicht jeder,
Gott sei Dank,
Der mehr zu essen pflegt als nötig,
Ist auch gleichfalls essgestört.
Ganz im Gegenteil:
Wie viele Dünne,
Ich muss grad an Beckham oder Kaulitz denken,
So erfolgreich, so mager,
Doch sexy kann ich sie nicht wirklich nennen!
Unsere Gesellschaft, unsere Kultur
Samt Medien, Meinung, Weltanschauung,
Sie propagiert den Schlankheitswahn,
Das ist wahr, und das ist krank!
Vielleicht ist das die wahre Krankheit,
An der wir, unter der auch ich so leide?
Also, ich beweg mich wirklich gern,
Obst schmeckt mir, auch Gemüse,
Intelligent bin ich, nicht stupide,
Nicht zuletzt zähl ich zu den Aktiven.
Aktiv werde ich auch deshalb,
Weil ich genießen lernen will,
Da ich nicht länger mich betauben,
Sondern das Leben zu leben ich liebe,
Denn ich will normal essen.
Schließlich und endlich
Weiß ich wovon ich spreche,
Wenn ich sage,
Gerade ich als Borderliner:
Einseitigkeit, das Extrem ist selten gut,
Das Beste bleibt die goldene Mitte!
Aus genau diesem Grunde auch
Sage ich selbst vorau:
Esse ich erstmal normal,
So nehme auch ich ab,
Dann werde ich dünner ebenfalls,
Und außerdem sein glücklicher,
Nicht aber, weil ich dann weniger wiege;
Weil ich esse, wenn ich hungrig bin,
Wie ich aufhöre, sobald ich satt bin,
Und damit gesund bin,
Deswegen werde ich glücklicher sein.
Und bis dahin:
Ich verschieb doch nicht mein Leben!
Schon heute ist es mein, das Glück.
Ist doch okay, was will ich mehr?
Ich brauche mich nicht zu schämen,
Hab´s nicht nötig, mich zu verstecken,
Für micht gibt´s gar keinen Grund,
Mich minderwertig zu fühlen.
Ou contraire!
Bar jeder Komplexe,
Ohne Schuld und Scham,
Voller Selbstbewusstsein
Erkläre ich:
Hallo, ihr Superdünnen!
Was seid ihr doch toll!
Klappert übern Catwalk
Mit verbissenen Gesichtern.
Den Heißhunger lese ich aus euren Augen,
Die nicht mehr glänzen,
Aus euren dürren Lippen,
Die niemals lachen,
Lechzt die Sehnsucht offenkundig,
Eure Knochen, hervor-ragend,
Sie sprechen aus,
Was ihr euch zwanghaft verbietet,
Nämlich das gesunde Essen!
Aber das darf natürlich nicht sein,
Halbverhungert sein ist in,
Ihr seid ja die Next Topmodels,
Doch sehe ich euch an,
Mehr Skelett als Mensch,
Frage ich mich im Ernst:
Wer ist hier kränker?
Ich oder ihr?
Ich habe mich allein entschlossen,
Ihr seid mir kein Vorbild,
Ich lasse mich nicht terrorisieren,
Von Diäten, Kalorien oder meiner Waage.
Ich geh meinen Weg,
Ich mach mein Ding,
Hungert ihr nur euch weiter in den Tod!
Ich lebe lieber!
Auch mollig bin ich reizvoll,
Reizvoller als so mancher Hungerhaken!
Lieber rund und gesund,
Als schlank und krank!
Das lass einmal gesagt sein,
Soviel für heute, soviel von mir.
(c) Wolfgang