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[Lyrik] megrims worte

1

Monday, January 18th 2010, 8:30pm

megrims worte

[Vorab:
Ehrlichgesagt mag ich mich für das Gedicht selbst nicht, weil es am
Ende so zickig klingt. Aber ich war irgendwie gerade etwas ... mies
drauf. Ich traute mich, meiner Freundin von der sozialen Phobie zu
erzählen und sie meinte, ich dramatisiere. Und die Sache, warum das mir
so nahe ging, war, dass ich mich auch oft frage, ob ich wirklich nicht
einfach alles dramatisiere und es mir viel schwerer mache, als es
eigentlich ist, weil ich Angst habe davor, glücklich zu sein.]

Wo bin ich?

Es ist kalt hier.
Zitternd möchte ich mein Kleid enger um meinen Körper ziehen.
Aber ich habe kein Kleid mehr, ich bin entblößt.
Ich kann nicht mehr,
ich kann nicht mehr.
Es ist dunkel hier.
Ich suche schon lange nach einem Licht.
Aber immer, wenn ich meine, eines zu sehen, erlischt es wieder.
Ich kann nicht mehr,
ich kann nicht mehr.
Es ist eng hier.
Ich kann mich nicht drehen oder bewegen. Auch um meinen Körper wird es eng.
Aber ich kann nichts tun.
Ich kann nicht mehr,
ich kann nicht mehr.
Es ist still hier.
Zu still, denn hier ist niemand.
Alles was ich höre ist das schwere Pochen meines Herzens.
Sagte ich Herz?
Wo ist es?
Ich weiß es nicht.
Ich öffne meinen ausgetrockneten Mund um zu rufen.
Aber meine Stimme ist schon lange erloschen.
Ich kann nicht mehr,
ich kann nicht mehr.
Ich falle schon Ewigkeiten,
fast ersehne ich schon den harten Grund,
der mein Ende sein wird,
doch erlösend.
Aber er wird nie kommen.
Ich kann nicht mehr,
ich kann nicht mehr.

Aber halt!
Nein – ich dramatisiere.

N811e

Unregistered

2

Tuesday, January 19th 2010, 10:12pm

Hey megrim,
das ist ein wunderschönes, sehr trauriges Gedicht. Und es klingt nicht zickig am Ende, sondern tief verletzt. Und das bist Du. Und dazu hast Du allen Grund, denn es ist schon sehr gemein, wenn man sich jemandem anvertraut - und das, wenn man sowieso schon ein Problem damit hat - und dann wird man so "zurückgestutzt", "runtergemacht". Fies... Echt fies. Ich weiß gar nicht, was ich da jetzt schreiben soll, was ist das denn bitte für eine Freundin (ist nicht böse gemeint, sie mag sicher eine ganz tolle Freundin sein, aber das war nicht schön)... Fühl Dich fest gedrückt, Kleines! Tut mir voll leid, dass sie Dich nicht verstanden hat... Vielleicht muss man ihr zugute halten, dass sie nicht hinter die Kulissen schaun kann, so wie wir hier, weil wir mehr von Dir wissen, als alle anderen... Ich fühle mit Dir!

3

Wednesday, January 20th 2010, 6:23pm

Danke für Deine lieben Worte.
Eigentlich hielt ich sie für den herzlichsten Menschen in meinem Umfeld und ich glaube das wird sich nicht ändern.
Ich vermute, sie hat das gesagt, damit ich mich besser fühle. Hört sich komisch an, aber sie kann die Phobie nicht nachvollziehen, die denkt, ich MAG es nicht, vor anderen Leuten zu sprechen. Aber das ist nicht der Punkt, ich KANN nicht vor anderen Leuten sprechen. Und weil sie das nicht verstehen kann, meinte sie vielleicht, es wäre besser für mich, wenn ich die "Phobie-Gedanken" vergesse - was schlichtweg nicht möglich ist. :fertig:

Mir ist gestern nach dem Gedicht aufgefallen, dass ich wirklich kein bisschen mehr kann. Ich gehe abends völlig entkräftet ins Bett und wenn ich aufwache habe ich auch keine Kraft. Es wird schlimmer und meine Dissoziationen werden schlimmer (wenn ich nicht wirklich dramatisiere) und ich habe Wahnvorstellungen und denke mir, die Welt um mich herum existiert nur in meinen Gedanken etc.
Wäre ich erwachsen, würde ich mich wahrscheinlich bald für eine stationäre Therapie anmelden. Aber ich bin nicht erwachsen.

Hier übrigens noch ein anderer Text, der ziemlich gut zu meinen Paranoia passt:




Haltlos


Ich bin aufgewühlt. Soeben machte ich mir Gedanken - zu viele, denn ich mache mir immer zu viele Gedanken - und bekam Wahnvorstellungen.
Alles begann damit, dass ich mir Kants Frage stellte: "Was kann ich wissen?" und ich kam zu dem Ergebnis, dass ich keine zufriedenstellende Antwort darauf weiß. Auf einmal legte sich ein Schalter in meinem Gehirn um und sagte mir: "Du weißt gar nichts". Mein Deutsch- und Geschichtslehrer pflegt immer zu sagen: "Achtet auf eure Quellen. Man kann nie wissen, ob etwas stimmt, was gesagt/geschrieben wird." Das fand ich eine schlaue Aussage und versuchte mich daran festzuhalten, es immer im Kopf zu bewahren. Doch dann stellte ich mir selbst die Frage: "Aber woher kannst du wissen, dass die Aussage deines Lehrers richtig ist?" - Was ist überhaupt richtig? Woran darf ich festhalten? Eine Lawine von Fragen überflutete mein Gehirn und ich habe das Gefühl, ich kann niemandem mehr trauen, keine Worte für richtig befinden. Aber das ist so schwierig für mich. Ich brauche etwas, an dem ich Halt finde, etwas, worauf ich immer wieder zurückkommen kann, wenn ich meinen Weg oder mich selbst verliere - eine wahre Aussage, auf die ich zurückgreifen und mich beziehen kann. Doch durch mein vieles Nachdenken und anschließende Paranoia habe ich mir selbst den Halt genommen.
Ist es überhaupt richtig, was ich hier schreibe?
Und wenn nicht: Ist es verwerflich, dass ich Dinge schreibe, nicht wissend, dass sie falsch sind? Rechtfertigt das etwas? Rettet Unwissenheit vor Strafe? Was kann ich überhaupt wissen? Gibt es Dinge, die nachgewiesen wurden? Ist der Nachweis dann richtig? Woher kann ich das wissen? Was muss ich wissen?
Wenn es verwerflich wäre, falsche Dinge zu sagen, müsste dann auf der Welt nicht Totenstille herrschen?

4

Thursday, January 21st 2010, 8:56am

Wäre ich erwachsen, würde ich mich wahrscheinlich bald für eine stationäre Therapie anmelden. Aber ich bin nicht erwachsen.


Liebe megrim,

du musst doch nicht erwachsen sein um eine stationäre Therapie zu machen ....

LG,

Sonja.
Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. (Friedrich Nietzsche)

5

Thursday, January 21st 2010, 6:10pm

Das ist mir schon klar.
Aber ich meinte damit, dass ich nicht während der Schulzeit eine stationäre Therapie machen möchte. Natürlich ist Gesundheit wichtiger als die Schule. Aber irgendwie ... kann ich mich nicht aus diesem Umfeld reißen, weil es alles verändern würde.
Veränderung muss nicht schlecht sein, aber ich müsste erst einmal meinem Umfeld (vorallem meinen Eltern) von meinen Problemen erzählen und das schaff ich einfach nicht - im Moment.

Liebe Grüße,
megrim.

Dickbauchbaby

Unregistered

6

Monday, February 8th 2010, 5:00am

poetische Gedanken einer Dicken (trigger)

Warum ich anfangen will, meine Gedanken
nieder zu schreiben?

Weil ab morgen alles anders ist, denn ich werde morgen mit einer Diät beginnen.
Wie oft ich mir das schon vorgenommen habe, kann ich sicher nicht mehr zählen,
jeder Tag ist der letzte vor der Diät, und deswegen kann ich jeden Abend auch
noch mal besonders viel essen, denn ab morgen nehme ich ja.

Das einzige aber, was in den letzten Jahren und Monaten tatsächlich abgenommen
hat, war mein Selbstbewusstsein, mein gutes Körpergefühl, meine Sportlichkeit,
meine Spontanität, die Liebe zu mir selbst. Genährt habe ich durch diese
Lebensweise nicht nur meine Hüften und den Bauch, der Selbsthass wird eine
immer grössere Komponente in dieser tödlichen Spirale.

Ja tödlich! Und das ist auch der Grund, warum ich hoffe, dass ich es morgen
tatsächlich schaffen werde, wenigstens ansatzweise mich normal gegenüber
Nahrung zu verhalten. Vielmehr verlange ich ja schon gar nicht mehr.

Jede Nacht wenn ich zum Einschlafen auf den Rücken liege spüre angewidert ich
die unglaublich schwere Last meines Fettpanzers. Früher habe ich gerne auf der
Seite gelegen, dass geht schon gar nicht mehr, zu sehr drückt der Zentner, der
mich von meinem Idealgewicht trennt, auf meine Organe und schnürt sie von
Blutversorgung ab. Ebenso mein Arm, auf dem ich normalerweise lag. Schon nach
kurzer Zeit spüre ich die Ameisen auf meinem Arm laufen und wuchte mich dann
resigniert zurück auf den Rücken.

Aber heute Nacht, war etwas anders. Nach einem wieder sehr üppigen Tag thronte
mein Wams bedrohlich als höchster Punkt meines liegenden Körpers und quetschte
meine arme Lunge zusammen, so dass ich kaum noch Luft bekam. Japsend drehte ich
mich auf die Seite, selbst schwanger war ich beweglicher, doch in dieser
Position pressten die Massen auf meinen Magen und schoben so Mageninhalt und
Säure in Richtung Kehle. Also wieder ächzend auf den Rücken. Ich spürte wie
mein einst so starkes Sportlerherz verzweifelt gegen den Zentner ankämpft,
schwach und dröge fühlt es sich heute an, entäuscht von meinen vielen Versprechen,
dass ab morgen ja alles anders werden würde.

Doch statt dessen wurde es immer schlimmer. Schlimmer und schlimmer unter der
permanenten Prämisse: Morgen, ja morgen mache ich Diät ... also kann ich ja
heute noch mal kräftig zuschlagen.

Aber heute fühlte sich der Gedanken an Morgen anders an, denn heute Nacht
fühlte ich ganz deutlich, dass wenn ich so weiter mache, jede Nacht meine
letzte sein kann. Wie lange wird mein Herz das noch mitmachen? Wie lange mein
Lunge? Wie lange alle übrigen Organe, mit denen ich so lange Jahre in sehr
glücklicher Symbiose zusammengelebt habe? Sicher das letzte EKG war in Ordnung,
doch merke ich doch sichtlich, dass mein Herz nicht mehr so kräftig ist wie
vorher. Ja, auch die Blutzuckerwerte und Blutfette waren für jemanden von
dieser Statur bestens, aber wie sehen sie noch einer sinnlosen Fressorgie aus,
würde man sie bestimmen? Und wie oft verlange ich das von meinem Metabolismus
ab.

Heute Nacht hatte ich Angst, dass ein doch glückliches Leben zu Ende gehen
könne. Alles was ich bis jetzt erreicht habe und so geniesse wäre dahin: ein
wunderbarer Mann, um den mich so viele beneiden, lebhafte aber entzückende
Kinder, ein grosser und treuer Freundeskreis, die letzte Karrierestufe im Beruf
und ein schönes Haus. Wie kann man eigentlich so leichtsinnig sein, dass alles
wegen kurzzeitiger Oralbefriedigung, die bei genauem Nachfühlen noch nicht mal
eine Befriedigung ist, aufs Spiel setzen?

Nein, ich bin noch nicht bereit zu gehen und ich will keinen XXL-Sarg. Ich will
mein altes Leben zurück, in dem ich mit meinem Mann zusammen sportlich aktiv
war, anstatt ihn mit einem Kuss zu verabschieden, wenn er nun alleine zum Sport
geht. Ich möchte wieder all diesen schönen Kleider tragen, die auf dem Speicher
einstauben. Ich möchte meinen Kindern ein Vorbild sein. Ich möchte mich endlich
wieder weiblich fühlen und eine Taille haben.

Ich möchte einfach nur wieder ich sein!

Die Angst von Fettmassen erdrückt zu werden lässt mich hoffentlich zu Vernunft
kommen. Morgen, ja Morgen wirklich.



Binge Eating Disorder, mein Fehlverhalten hat also einen Namen und ich bin
damit nicht allein, etwas Trost. Hassen tue ich diese Fressattaken und diesen
unstillbaren Hunger aber trotzdem. Und ja, ich bin nicht allein, lange bevor
ich selbst darunter litt, sah ich meine Mutter wie sie verstohlen in der Küche
Unmengen an Deftigen und Süssen in sich stopfte, genauso ich jetzt zum Teil
heimlich vor meiner Familie mir den Ranzen fülle. Ist es verebt? Ober
abgeguckt?

Binge Eating das klingt eher nach einer Sportart. Welch Sport ist das, bei dem
man buchstäblich frisst bis man platzt. Welch Nervenkitzel auf der ständigen
Suche nach Befriedigung, die aber selten statt findet, doch der Kopf gibt trotz
dieser vielen Enttäuschungen nicht auf. Er glaubt an den ultimativen
Oralorgasmus und wie ein Sklave folge ich diesem Gedanken willenlos, obwohl ich
selbst weiss, wie furchtbar ich mich, physisch wie psychisch, danach fühlen
werde.

Dickbauchbaby

Unregistered

7

Monday, February 8th 2010, 7:24am

poetische Gedanken einer Dicken (Fortsetzung)

Doch die Droge ist stärker und nach und nach zerstört und zermürbt sie alles.
Ich habe einige weiche Drogen früher probiert und nach einmaligen Gebrauch alle
für albern befunden. Wie konnte gerade Essen meine Droge werden? Und warum so
schrecklich einfältiges, süsses und fettes Essen, kein echter Gaumenkitzel,
keine raffinierte Cuisine. Nein ganz vulgäres billiges industrielles Fast-Food
und Süssigkeiten. Wäre ich wenigsten schlemmend dick geworden mit Essen, dass
die Sinne anregt. Aber dieser Frass, der mein Hüftplatin bildete, ist
beschämend.

Vielleicht liegt auch genau darin das Binge Eating begründet. Scham, Abscheu,
Unbehagen über den korpulenten Körper. Die Liebe zum Ich schrumpft, je mehr die
Leber verfettet. Dabei hatte ich mich früher gern, ich war nie gertenschlank,
aber alles sass an den richtigen Stellen und sportlich war ich obendrein, also
doch passabel. Genau genommen hasse ich mich jetzt nicht wirklich, ich hasse
den Panzer aus Fettzellen, der mich umgibt, als sei er kein Teil von mir.
Selbsthass kommt nur während und nach den Fressanfällen auf. Beim Blick in den
Spiegel kommt es zu einer eigenartigen Schizophrenie, ich kann und will mich
nicht mit meinem Spiegelbild identifizieren. Ich bin eine Gefangene in einem
entstellten Körper.

Heute Nacht habe ich nicht nur verstanden, dass wenn ich so weitermache, ich
meine Enkelkinder - vielleicht sogar schon das Grosswerden meiner Knder - nicht
mehr erleben werde. Mir wird auch bewusst, dass die Fressanfälle kein
Kavaliersdellikt sind sondern eine Sucht und daher eine psychische Störung. Na
denn, das sitzt! Gestört bin ich also. Morgen werde ich also nicht einfach nur
Diät machen, die ich schon beim Frühstück wieder aufgebe, morgen werde ich mich
auf die Suche nach den Ursachen meiner Fressdrogenabhängigkeit machen.



Wie alles begann? Nun ja, etwas rundlich war ich eigentlich immer, aber rund um
zufrieden damit. Zwei Schwangerschaften hinterliessen leichte Spuren, ein paar
Kilos, die man schon wieder loswerden würde. Dann schon während der dritten
Schwangerschaft war alles anders: starke Gewichtszunahme, Vollmondgesicht,
Trägheit und hier begann wohl das richtige Binge Eating. Nach der Entbindung
dann weiter rapide Zunahme von mehr als 00 kg. Ich drohte zu Platzen, doch
konnte vor lauter Drögheit gar nicht aktiv werden. Sport war schlichtweg
unmöglich. Alles was ging war Essen. Rheumaartige Schmerzen überall, stets
schliefen Gliedmassen ein. Ich wurde zum Wrack.

Die Schilddrüse sei es, sagten die Doktoren. Man verschrieb ein Hormon das die
Drüse nicht mehr ausreichend bilden könne. Es ging damit etwas besser, doch
gerade meine mich so kennzeichnende Energie wollte sich nicht wieder
einstellen. Meine Schilddrüse, oder das, was mein Immunsystem von ihr übrig
lies, wurde mit einem Hormon alleine nicht wieder glücklich. Auf erbittertes
und hartnäckiges Drängen erhielt ich auch das zweite Hormon, das eine gesunde
Drüse bildet, und fast schlagartig, war meine Energie wieder da, mein
Vollmondgesicht verschwand, sämtliche Zimperlein gingen und die stetige
Gewichtszunahme milderte sich. Doch Binge Eating war eine unliebsame Gewohnheit
geworden, Binge Eating blieb.

Leider verpasste ich diesen Neuanfang, um die Gewohnheit abzulegen. Wie viele
Schilddrüsengeplagte neigte ich dazu, alles auf die Drüse zu schieben. Bei
richtiger hormoneller Einstellung wird schon alles wieder gut. Und wenn nicht,
ist auch wieder die Drüse schuld. Schön einen Schuldigen zu haben, der einen
frei von Schuld macht. Die Ausrede für zugelloses Fressen. Was kann ich schon
machen, wenn die Drüse meinen Stoffwechsel drosselt? Also weiter gefressen bis
ich platze, vielleicht kommt eines Tages eine gute Fee und erlöst mich von den
Drüsenproblemen und vom Fett.

Die Atemlosigkeit, die ich heute Nacht spürte, kam nicht von der Drüse. Die kam
vom zügellosen Essen heute und gestern und vorgestern und und und. Die rasante
Zunahme meines Gewichts lag sicher auch an der Schilddrüse, die fehlende
Abnahme sicher nicht. Statt meine wiedergewonnene Energie zu nutzen, um wieder
normal zu essen und Sport zu treiben, fröhnte ich weiter den Fressattacken und
suchte hormonelle Sündenböcke. Die Angst am Fett zu ersticken hat mich suchen
lassen. Gefunden habe ich einen Namen und damit eine Handlungsanweisung. Morgen
werde ich auf meine Psyche hören, wenn die scheinbare Lust kommt. Eine Reihe
von Strategien habe ich parat, ich will die Attacken nicht aushungern sondern
mit vernünftigen Lebensmitteln und viel Eiweiss sanft aus meinem Leben drängen.
Wenn schon Heisshunger, dann möchte ich wenigsten was Gutes essen. Keine
Verbote ausser minderwertiges Essen. Ich wil meinen Körper auch in seinem
gegenwärtigen Zustand lieben lernen und alles tun, damit er nicht weiter
leidet. Ich werde ihn pflegen und trainieren, denn das hat er verdient. Ich
werde Erstzbefriedigungen und Ablenkung suchen. eine Gewohnheit legt man nicht
über Nacht ab. Ich werde mich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Und
ich werde hineinhorchen in die Tiefe meiner Selbst und mich fragen, was ich
eigentlich möchte, wenn die Attacke kommt. Es wird keine Diät werden, es wird
die Rückkehr zu normalen Essverhalten.



Morgen. Ich freue mich schon auf morgen!

This post has been edited 1 times, last edit by "Tobias" (Feb 8th 2010, 7:24am) with the following reason: bitte keine Gewichtsangaben


N811e

Unregistered

8

Monday, February 8th 2010, 8:30am

Liebes Dickbauchbaby,

zunächst einmal. ich würde mich freuen, wenn Du Dich anmelden würdest, denn was Du schreibst, kennen wir hier alle in ein oder anderer Form und Du hast Dir einen Weg vorgenommen, auf dem Du sicher Unterstützung vertragen könntest... Ich würde mir wünschen, dass Du dann einen Namen wählst, der Dich nicht auf Deine Figur reduziert ^^

Jedenfalls fand ich es spannend zu lesen wie diese Entscheidung und auch diese Erkenntnis in Dir gereift ist. Gerade die letzten Sätze fand ich toll, Du hast verstanden, worum es jetzt nur gehen kann. Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute für Deinen Weg!

Vielleicht bis bald,
N811e

9

Monday, February 8th 2010, 8:51am

Hey ....

ein wohl durchdachter Plan - hört sich nicht schlecht an. Nimm dir wenn du kannst nicht zu viel vor, du hast einen sehr weiten, sehr harten Weg vor dir.

Du falls du dich anmeldest (was ich sehr schön fände): denk über einen anderen Nickname nach! Ich würde mich über einen freuen, mit dem du dich mit mehr Achtsamkeit beschreibt.

LG,

Sonja.
Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. (Friedrich Nietzsche)

10

Monday, February 8th 2010, 9:28am

Hallo,..
mir fällt es schwirig nach dem ich all Deine Zeilen gelesen habe, Dich bei diesem Nicknamen zu nennen.. ^^
Mich haben Deine Zeilen sehr nachdenklich gemacht..
Ich würde mich freuen mehr von Dir zu lesen..

Liebe Grüße
Yrla
Is(s) doch:
Und: Wer Tippfehler findet, darf sie behalten
By the way: Be yourself, no matter what they say...

Dickbauchbaby

Unregistered

11

Monday, February 8th 2010, 10:17am

Der nächste Morgen

Ich fühle mich gut. So weit man sich gut
fühlen kann nach so wenig Schlaf. Der mächtige Ranzen, Folge meiner letzten
Fressattacke, hat sich gnädig zurück gezogen.

Mein Rachen brennt. Der monströse Bauch, der nur noch in Rückenlage erträglich
ist, drückt mir jede Nacht die Magensäure hoch. Mein Magen ist auch eine
dramatische Hauptfigur in diesem bizarren Schauspiel, in dem ich mit jedem Akt
dem Ende und der Selbstverstümmelung näher komme. Mein bemitleidenswerter Magen
ist der Spielball zwischen den Fressanfällen oder der Eimer beim Dauerfressen.
Der einzige Ausweg, der ihm bleibt, ist die Flucht nach oben. Bis jetzt hat
sich jeden Morgen der Vorhang wieder gehoben und in einer endlose Schleife hat
sich das Trauerspiel Tag für Tag wiederholt. Das soll sich nun ändern und der
Vorhang soll zum letzten Mal fallen.

Ich übe mich in Selbstakzeptanz. Leicht ist das nicht in den Spiegel zu schauen
und das Spiegelbild auch noch zu lieben. Früher, als Essen noch kein Problem
für mich war, wunderte ich mich oft, warum man von Rettungsringen sprach. Heute
nenne ich zwei stolze Rettungsringe mein Eigen. Sie gehen fast komplett um das,
was mal meine Taille war. Nur an der Wirbelsäule sind sie unterbrochen. Wenn
ich mir mein Ränzlein mal wieder mächtig voll geschlagen habe, bricht die
Struktur der Ringe auf. Dann erhebt sich der mächtige Bauch, so mächtig wie er
während keiner meiner drei Schwangerschaften je war und erdrückt sämtliches
Leben in meinem Inneren. Und das soll ich jetzt lieben, hmm vielleicht beginne
ich erst mal damit ihn zu akzeptieren.

Auf der anderen Seite war mein Fettpanzer bei allen schönen Momenten der
letzten 2 Jahre dabei, ob ich wollte oder nicht, er ist momentan ein Teil von
mir. Er war dabei, bei der erfolgreichen Etappe im Beruf, er war da bei allen
wunderbaren Momenten mit Familie und Freunden, er war ein steter Begleiter, der
wohl sehr viel über mich erzählen könnte.

Er schmolz leicht, als ich in der Vergangenheit schon versuchte, ihm mit
ausgewogener Ernährung auf den Pelz zu rücken. Doch leider fehlte mir die
Konsequenz ... nein, es fehlte wohl eher das Bewusstsein, das ich dafür
verantwortlich bin, keine Drüse, keine Umstände. Keine Entschuldigungen
mehr. Ich muss wie ein Drogensüchtiger lernen mit der Droge zu leben und
sie zu doisieren.

Zum Frühstück machte ich mir den Rest einer Thai-Hühnersuppe warm. Ich
schmeckte sie noch mit Zitrone und frischem Pfeffer ab, ich möchte wieder Genuß
schmecken können. Die Suppe erwärmte meinen sauren Magen. Langsam verzieh er
mir die gestrige Es(s)kapade.



Binge Eating hat viel mir Kontrolle und Kontrollverlust zu tun, so lese ich.
Oft liegen Traumen oder schwere seelische Verletzungen dem zu Grunde. Aber ist
das auch bei mir so? Mein persönliches "Bauch"gefühl sagt mir, dass
die Akzeptanz meiner Fettleibigkeit hier eine grosse Rolle spielen. Ich bin
nicht mehr die adrette und aktive Runde, die ich einst war sondern ich bin
einfach nur noch viel zu dick (eine weitere Beschreibung spare ich mir hier,
denn ich will ja versuchen, mich zu akzeptieren). Der Kontrollverlust, das
anfallsartige Essen bzw. das permanente Dauerfressen ist für mich eher
Resignation. Es ist ja eh alles egal und kann ich auch zulangen. Und immer auf
der Suche nach dem Kitzel, den ich dabei jedoch nie finde. Ob nach andere
Sehnsüchte dahinter stecken. Momentan wüsste ich nicht welche, aber vielleicht
werde ich ja noch einiges ganz Verschüttetes finden auf meiner Reise. Der Rest
ähnelt den Erzählungen anderer Essgestörter, es folgt eine Spirale aus
Vorwürfen, Selbsthass und Ekel. Der nächste Anfall ist vorprogrammiert, denn
heute ist es ja schon egal, aber morgen wird alles besser.

Ich werde heute versuchen Verantwortung für mein Handeln zu übernehmen. Nicht
ich bin das arme Opfer einer Essstörung, ich kann aktiv handeln und mir
Alternativen zum Essen als Ersatzbefriedigung wählen.

Binge Eating klingt immer noch sehr abstrakt für mich, aber ich habe es heute
zum ersten Mal ausgesprochen: ich habe eine Essstörung. Und helfen wird da
keine Diät sondern der bewusste Umgang mit Nahrung und die Aufdeckung der
Wünsche, die ich damit assoziiere.



Ich schwelge schon in Gedanken im Mittagessen, ich werde ganz viele
verschiedene Gemüse in köstlichen und wertvollen Olivenöl anschmelzen. Mein
Körper bekommt jetzt was er verdient, beste und natürliche Nahrung!

12

Tuesday, February 9th 2010, 5:35pm

Hey Dbbaby,
kürz deinen Nick auch mal ab... der Rest von deinem Nick klingt nicht so nett.
Ist für mich ok wenn du dich so nennen willst, wiederstrebt mir aber dich auch so anzuschreiben.
Daher Dbbaby ;)
Mir gefällt dein Schreibstil. Hab mich in vielem was du geschieben hast wiedererkannt.
Vor allem dieses "morgen wird alles anders" Syndrom kenn ich soooo gut.
Sichs heute nochmal so richig geben... morgen wird ja alles besser.
Hmm, das "morgen" an dem alles "auf einmal" besser war und ich aus dem Nichts herraus mehr Kraft
hatte ist bei mir leider nie aufgetreten.
Phasen in denen es besser lief waren so verdammt harte Arbeit.
Manchmal haben mich dann auch wirklich Kleinigkeiten wieder zurückgeworfen...

Wenn man im Heute nicht kämpft braucht man auch nicht aufs morgen zu hoffen war mein Fazit aus
all den Jahren "morgen wird alles besser" das fällt mir grad noch auf.

Mittlerweile bin ich aber einfach oft an dem Punkt, dass ich mich ganz bewusst im Heute dazu entscheide
wieder zu "versagen" weil ich einfach keine Kraft hab zu kämpfen gegen die Sucht...

Wünsch dir alles liebe. Würd mich auch freun wenn du dich hier anmeldest. Wir beissen nicht :D .
lg, triv

wcf.user.socialbookmarks.titel

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