Warum ich anfangen will, meine Gedanken
nieder zu schreiben?
Weil ab morgen alles anders ist, denn ich werde morgen mit einer Diät beginnen.
Wie oft ich mir das schon vorgenommen habe, kann ich sicher nicht mehr zählen,
jeder Tag ist der letzte vor der Diät, und deswegen kann ich jeden Abend auch
noch mal besonders viel essen, denn ab morgen nehme ich ja.
Das einzige aber, was in den letzten Jahren und Monaten tatsächlich abgenommen
hat, war mein Selbstbewusstsein, mein gutes Körpergefühl, meine Sportlichkeit,
meine Spontanität, die Liebe zu mir selbst. Genährt habe ich durch diese
Lebensweise nicht nur meine Hüften und den Bauch, der Selbsthass wird eine
immer grössere Komponente in dieser tödlichen Spirale.
Ja tödlich! Und das ist auch der Grund, warum ich hoffe, dass ich es morgen
tatsächlich schaffen werde, wenigstens ansatzweise mich normal gegenüber
Nahrung zu verhalten. Vielmehr verlange ich ja schon gar nicht mehr.
Jede Nacht wenn ich zum Einschlafen auf den Rücken liege spüre angewidert ich
die unglaublich schwere Last meines Fettpanzers. Früher habe ich gerne auf der
Seite gelegen, dass geht schon gar nicht mehr, zu sehr drückt der Zentner, der
mich von meinem Idealgewicht trennt, auf meine Organe und schnürt sie von
Blutversorgung ab. Ebenso mein Arm, auf dem ich normalerweise lag. Schon nach
kurzer Zeit spüre ich die Ameisen auf meinem Arm laufen und wuchte mich dann
resigniert zurück auf den Rücken.
Aber heute Nacht, war etwas anders. Nach einem wieder sehr üppigen Tag thronte
mein Wams bedrohlich als höchster Punkt meines liegenden Körpers und quetschte
meine arme Lunge zusammen, so dass ich kaum noch Luft bekam. Japsend drehte ich
mich auf die Seite, selbst schwanger war ich beweglicher, doch in dieser
Position pressten die Massen auf meinen Magen und schoben so Mageninhalt und
Säure in Richtung Kehle. Also wieder ächzend auf den Rücken. Ich spürte wie
mein einst so starkes Sportlerherz verzweifelt gegen den Zentner ankämpft,
schwach und dröge fühlt es sich heute an, entäuscht von meinen vielen Versprechen,
dass ab morgen ja alles anders werden würde.
Doch statt dessen wurde es immer schlimmer. Schlimmer und schlimmer unter der
permanenten Prämisse: Morgen, ja morgen mache ich Diät ... also kann ich ja
heute noch mal kräftig zuschlagen.
Aber heute fühlte sich der Gedanken an Morgen anders an, denn heute Nacht
fühlte ich ganz deutlich, dass wenn ich so weiter mache, jede Nacht meine
letzte sein kann. Wie lange wird mein Herz das noch mitmachen? Wie lange mein
Lunge? Wie lange alle übrigen Organe, mit denen ich so lange Jahre in sehr
glücklicher Symbiose zusammengelebt habe? Sicher das letzte EKG war in Ordnung,
doch merke ich doch sichtlich, dass mein Herz nicht mehr so kräftig ist wie
vorher. Ja, auch die Blutzuckerwerte und Blutfette waren für jemanden von
dieser Statur bestens, aber wie sehen sie noch einer sinnlosen Fressorgie aus,
würde man sie bestimmen? Und wie oft verlange ich das von meinem Metabolismus
ab.
Heute Nacht hatte ich Angst, dass ein doch glückliches Leben zu Ende gehen
könne. Alles was ich bis jetzt erreicht habe und so geniesse wäre dahin: ein
wunderbarer Mann, um den mich so viele beneiden, lebhafte aber entzückende
Kinder, ein grosser und treuer Freundeskreis, die letzte Karrierestufe im Beruf
und ein schönes Haus. Wie kann man eigentlich so leichtsinnig sein, dass alles
wegen kurzzeitiger Oralbefriedigung, die bei genauem Nachfühlen noch nicht mal
eine Befriedigung ist, aufs Spiel setzen?
Nein, ich bin noch nicht bereit zu gehen und ich will keinen XXL-Sarg. Ich will
mein altes Leben zurück, in dem ich mit meinem Mann zusammen sportlich aktiv
war, anstatt ihn mit einem Kuss zu verabschieden, wenn er nun alleine zum Sport
geht. Ich möchte wieder all diesen schönen Kleider tragen, die auf dem Speicher
einstauben. Ich möchte meinen Kindern ein Vorbild sein. Ich möchte mich endlich
wieder weiblich fühlen und eine Taille haben.
Ich möchte einfach nur wieder ich sein!
Die Angst von Fettmassen erdrückt zu werden lässt mich hoffentlich zu Vernunft
kommen. Morgen, ja Morgen wirklich.
Binge Eating Disorder, mein Fehlverhalten hat also einen Namen und ich bin
damit nicht allein, etwas Trost. Hassen tue ich diese Fressattaken und diesen
unstillbaren Hunger aber trotzdem. Und ja, ich bin nicht allein, lange bevor
ich selbst darunter litt, sah ich meine Mutter wie sie verstohlen in der Küche
Unmengen an Deftigen und Süssen in sich stopfte, genauso ich jetzt zum Teil
heimlich vor meiner Familie mir den Ranzen fülle. Ist es verebt? Ober
abgeguckt?
Binge Eating das klingt eher nach einer Sportart. Welch Sport ist das, bei dem
man buchstäblich frisst bis man platzt. Welch Nervenkitzel auf der ständigen
Suche nach Befriedigung, die aber selten statt findet, doch der Kopf gibt trotz
dieser vielen Enttäuschungen nicht auf. Er glaubt an den ultimativen
Oralorgasmus und wie ein Sklave folge ich diesem Gedanken willenlos, obwohl ich
selbst weiss, wie furchtbar ich mich, physisch wie psychisch, danach fühlen
werde.