Liebe Mitleidende und Mitlesende!
Mit großem Interesse habe ich jetzt eure gesamte Diskussion zum Thema NES gelesen. Danke für eure so engagierten Postings! Bin selbst heute Nacht per Zufall in eurem Forum gelandet. Wie der Hauptautor, Flendar, leide ich seit langer Zeit an NES und habe nun wahrhaft die Nase voll. Zuletzt vor einigen Jahren hatte ich schon einmal unter dem Stichwort NES gegoogelt. Aber Patentrezepte gab es und gibt es offenbar nach wie vor keine! Doch da sich die Medizin dem Thema nach wie vor diagnostisch nicht systematisch widmet und bspw. typische Klassifizierungsmerkmale fehlen, stimmt mich die Frage meiner subjektiven Problemlösung sehr bedenklich! Worauf mag dies alles hindeuten? Wohl vor allem darauf, dass das Problem nicht so leicht aus der Welt geschaffen werden kann. Leider!
Deshalb, lieber Flendar, zunächst meine herzliche Frage an dich: Was ist aus deinem Projekt geworden? Bist du mit deiner Radikallösung weitergekommen oder abermals an Grenzen gestoßen? Ich persönlich stehe bald seit 14 Jahren nachts auf! Ich kann mich sogar noch gut ans erste Mal erinnern. Ich bin 33 Jahre alt. Eine Zeit lang war ich stark übergewichtig, trage heute aber Kleidungsgröße S! Meine Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich beisteuern kann: Berufliche und private Veränderungen (zuletzt das Scheitern meiner Ehe) hatten wenig Einfluss auf den Umstand, ob, wann und wie oft ich nachts aufstehe! Früher war es vielleicht weniger heftig als heute. Aber es ist auch nicht jede Nacht gleich schlimm. Wenn ich beispielsweise in Hotels übernachte, schlafe ich durch! Doch hier, daheim in meiner Single-Bude, bleibt alles fruchtlos: Leerer Kühlschrank? "Gute" oder "schlechte" Tage? Erfolgserlebnisse an der Hochschule mit meinen Studierenden? Private, intime Glücksgefühle? Leidenschaftliche Niederlagen des FC? Ob ernährungsbewusstes oder total unbewusstes Ess-Verhalten tagsüber? Vordergründig auch Bemühungen um mehr Selbstachtsamkeit? Alles schon durchdacht und gemacht! Therapie? Regelmäßig Sport? Rauchen? Alkohol? Theoretische Befassung mit dem Thema? Besuche eines vermeintlichen Experten mit Honorarprofessur an der FU Berlin vor acht Jahren und Aufsuchen der Medizinischen Zentralbibliothek in Köln mit der Lektüre klinischer Studien zum Thema? Arbeit an der eigenen Biografie und Familienstellen? Frühes oder spätes Zubettgehen? Entspannung vor dem Einschlafen? Rituale? Medikation? Alles weitgehend wirkungslos! Und Einschließen, wie du es machst? Die Strategien des "Biests" (wie du es nennst), oder Mister Hyde, waren stets clever genug, um die Bemühungen von Dr. Jekyll zu unterlaufen!
Nach meiner Einschätzung gibt es daher zwei alternative Strategien, um mehr über das Problem (das in Wahrheit typische Merkmale einer Sucht aufweist) herauszufinden und es zu beseitigen: Erstens, es muss ein Sinn dahinter liegen, der uns an diesem Problem leiden lässt! Um die Vermutungen von Shateka und anderen hier auf den Punkt zu bringen, geht es darum herauszufinden: Welchen Sinn hat das Problem und der Umgang mit ihm für uns? Geht es um Kompensation von Defiziten, unterdrückte Ängste, Kontrollverlust? Wie sieht es mit der Verarbeitung unseres Alltagsgeschehens und unserer Bedürfnisse in unseren Träumen aus? Wenn es um Sinn geht, welchen hat das Problem dann für uns: Fordert es Raum für den Teil von uns, den wir abspalten? Welche Bedürfnisse unterdrücken wir? Klagt das Problem unseren Umgang mit uns selbst an? Die Frage lautet in dem Fall: Welchen Deal können wir mit diesem emotionalen Teil von uns schließen, damit wir unser Problem erst integrieren und schließlich überwinden werden? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung und scheitere daran seit 14 Jahren!
Zweitens, das ist der von dir gewählte Weg, und als "Kopfmensch" stimme ich dir zu: Radikallösung, um die längst chronifizierte pathologische Handlung endlich zu "entroutinalisieren"! Abgewöhnung! Was einmal erlernt wird, können wir auch wieder löschen (Extinktion)! Nun sind wir aber als Gefühlswesen nicht die Objekte behavioristischer Lerntheorien (Pawlows Hund und Skinners Ratten). Deshalb frage ich mich: Wie lange dauert die erforderliche Phase Entwöhnung!
Seit April 1998 komme ich nicht zur inneren Ruhe. Ich war damals 19 Jahre alt als alles anfing, stand kurz vor meinem Abitur und dem eigenverantwortlichen Sprung ins Leben. Dank deines Postings habe ich die Hoffnung, dass wir, indem wir hier miteinander unser Wissen teilen, Problemursachen besser verstehen und lernen, die Qual zu beenden!
Alles Gute aus der Domstadt!